Nachruf auf Prof. Jakob Isroel de Haan

Die jüdische Welt steht unter dem erschütternden Eindruck des nichtswürdigen Meuchelmordes, der vor den Thoren der heiligen Stadt, auf dem Boden eines ganz den Werken reinster Menschenliebe gewidmeten Instituts einen aufrechten Mann niedergestreckt, und den geweihten Boden Erez Jisroels durch das furchtbarste, in jüdischen Kreisen bisher fast unbekannte Verbrechen entheiligt hat.

Auch wenn es sich nicht um ארץ הקדושה , um das Land handelte, über dessen Gefilden das drohend ernste Wort schwebt: ולא תחניפו את הארץ אשר אתם בה כי הדם הוא יחניף את הארץ וגו erhöbe das natürliche menschliche Empfinden die Frage nach dem Urheber eines so furchtbaren Verbrechens, forderte das beleidigte Rechtsgefühl die Sühne einer Bluttat, die in einer offenbar wohl vorbereiteten, planmäßig durchdachten Art und Weise und in einem Augenblick ausgeführt wurde, in dem die politischen Gegner des Ermordeten ein besonderes Interesse an seiner Beseitigung hatten.

Die „Jüdische Telegraphen-Agentur“ hat gemeldet – und wir haben allen Grund, die Nachricht für richtig zu halten – dass Prof. de Haan noch im Laufe der vorigen Woche nach London fahren wollte, um den dortigen zuständigen Stellen die schweren Bedenken der palästinensischen Orthodoxie gegen den (in der vorigen Nummer des „Israelit“ veröffentlichten) Gesetzentwurf über das Recht der Jüdischen Gemeinschaft Erez Jisroels zu unterbreiten. Zweifellos hätte keiner es so gut wie der Heimgegangene verstanden, die juristischen, ethischen und religiösen Ungeheuerlichkeiten dieses Entwurfes ins rechte Licht zu stellen und an das Rechtsbewußtsein des englischen Parlaments und des Colonial Office zu appellieren, bei dem immerhin mehr Verständnis für religiöse Gewissensanliegen zu erwarten ist als bei den unversöhnlichen Hassern und Verfolgern der Orthodoxie im jüdischen Lager.

Ob dem Mörder, der den Revolver auf das unglückliche Opfer richtete, diese Zusammenhänge klar waren, ob hinter diesem Mörder irgendwelche Organisationen (die „schwarze Hand“ oder der „hungernde Chaluz“ oder irgendeine sonstige radikal-jungjüdische Gruppe) steckt – wir wissen es nicht und wollen der Untersuchung, die bis zur Stunde völlig erfolglos zu sein scheint, nicht vorgreifen. Auch liegt uns der Gedanke fern, die zionistische Organisation als solche für das Verbrechen eines Fanatikers verantwortlich machen zu wollen.

Aber es wäre eine Unaufrichtigkeit und zugleich eine all zu starke Zumutung an die Gläubigkeit, wollte man sich selbst bereden, daß nicht die zahlreichen politischen Feinde des Ermordeten die intellektuellen und daher moralisch verantwortlichen Urheber des Verbrechens seien.


Sie haben seit dem Augenblicke, da de Haan sich als entschlossenen und oft vielleicht allzu rücksichtslosen Gegner der zionistischen Außen- und Innenpolitik bekannte, weil diese Politik zwangsläufig in immer größeren Gegensatz zum Arabertum gerät und sich für mangelnde Außenerfolge im Innern durch religiös-politische Monopolwirtschaft entschädigen will, den ihnen gefährlich scheinenden Mann als „Volksverräter“ abgestempelt, seine persönliche Ehre in unerhörter Weise besudelt, ihn dem Fanatismus und dem wütenden Haß ihrer radikalen Parteigänger preisgegeben, so daß seine gewaltsame Beseitigung den aus dem roten Rußland herkommenden Heißspornen sehr wohl als eine nationale Rettungstat, höchsten Preises würdig, erscheinen konnte. In der Tat war Prof. de Haan seit langem darauf gefaßt, daß er seine beispiellos aufopfernde, aus reinstem Idealismus fließende politische Arbeit früher oder später mit dem Leben bezahlen müsse. Fast genau vor einem Jahre, auf den 24. Tamus 5683, war ihm seine Ermordung bereits in formvollendetem Neu-Hebräisch aber unter der aus dem Altertum hergeholten Parole ובערת הרע מכרבך schriftlich angekündigt worden, falls er bis zu dem vorgeschriebenen Datum das Land nicht verlasse. Er wich und wankte nicht, trotzdem er seit langem nicht über die Straße gehen und kein Lokal betreten konnte, ohne sich den gröbsten Insulten ausgesetzt zu sehen. Inzwischen hat die zionistische Pressemeute zweiter Garnitur nicht aufgehört, den verhaßten Mann mit ihrem „Verrat“-Geschrei zu umheulen, und sein letzter politischer Erfolg, die Anknüpfung freundschaftlicher Beziehungen zwischen König Hussein und der palästinensischen Orthodoxie, entfesselte trotz der mustergültigen, vornehmen Formen, in denen sich diese bedeutungsvolle Annäherung vollzog, im nationalen Lager Orgien des Fanatismus, die sich mit einer gewissen inneren Notwendigkeit früher oder später in Gewalttat und Verbrechen auswirken mußten.

De Haan war zu Lebzeiten ein Opfer des jüdisch-völkischen Faschismus, und sein gewaltsamer Tod darf schon heute mit hoher Wahrscheinlichkeit als die unmittelbare oder mittelbare Wirkung dieses völkischen Faschismus im jüdischen Kreise bezeichnet werden. Wie Jaurès, Rathenau und Matteoti, so stehen die Manen de Haans als furchtbare Ankläger dieses die europäischen Völker vergiftenden Geistes da. Daß auch das Volk Gottes, das Volk, dessen Ohr den Donnerruf des לא תרצח vernommen und das – seit zweieinhalb Jahrtausenden mindestens – diesen Ruf wahrlich beherzigt hat, daß auch das jüdische Volk diese letzte Anpassung an die Völkersitte vollziehen mußte, könnte einem das Herz brechen, wenn es nicht als Schlußstation eines langen Leidensweges – des zionistischen לכו ונהיה כגוים – und, vielleicht, als eine Wende zum Besseren aufgefasst werden dürfte.

Oder soll es wirklich so weitergehen?

Will der Zionismus fortfahren, auch an dem frischen Grabe dieses Opfers chauvinistischer Verirrung die Schar seiner blindgläubigen, kaum verantwortlichen Anhänger und Mitläufer durch eine in tausend Zungen tobende Presse auf die Orthodoxie zu hetzen, nur weil diese im Namen ihrer heiligsten Überzeugungen dem Zionismus die Legitimation zur Alleinvertretung des jüdischen Volkes nun einmal bestreiten muß und immer bestreiten wird?

Soll das Lebensrecht dieser Orthodoxie, die sich doch nur ihrer historischen Pflicht vor Gott und dem ewigen jüdischen Volk bewußt ist, immer wieder in kleinlichem Machtdünkel mißachtet, durch gesetzgeberische Maßregeln terrorisiert, und dadurch der Kampf auf Leben und Tod verewigt werden?

Jacob Israel de Haan ist 1919 als überzeugter Zionist nach Erez Jisroel gekommen. Ihn trieb, im Bruch mit einer irreligiösen Vergangenheit, religiöse Sehnsucht nach dem heiligen Lande, wo er in harmonischer Eintracht mit seiner nationaljüdischen Überzeugung seinen religiösen Idealen leben wollte.

Was diesen Mann, ihm selber unverhofft, ins agudistische Lager führte, war sein unerschütterliches Gerechtigkeitsgefühl.

Der großangelegte Versuch, in dem neuen Erez Jisroel gerade diejenigen zu unterdrücken und zu vergewaltigen, in deren Mitte die ungebrochene religiöse Wahrheit der altjüdischen Überlieferung am sichersten geborgen und geschützt scheint, die Aufrichtung einer Zwangsherrschaft von Juden über Juden bei völlig mangelnder Gesinnungseinheit, die Anbetung und Glorifizierung von politischen Scheinerfolgen zum Schaden des dauernden Wohles der jüdischen Gesamtheit – das alles empörte seinen von klarer Erkenntnis erleuchteten aufrechten Sinn und trieb ihn – in das Lager der Verfolgten und Verfehmten.

In vollendeter Uneigennützigkeit hat er seine hervorragende Begabung, seinen juristischen Scharfsinn und seine umfassende allgemeine Bildung in den Dienst der heiligen Sache gestellt, hat ihr zuliebe zuerst seine materielle Existenz preisgegeben und alsdann – sehenden Auges sein Leben dem Kampfe für das Recht geopfert, für das Recht der 'חרדים על דבר ה für das Recht der תורה und ihrer Träger, für die Herrschaft der תורה im jüdischen Volke.


Aus: "Der Israelit" (10. Juli 1924)